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St. Hildegard im Goldrausch

Wir schreiben den 16. Dezember im Jahr 2016. Bittere Kälte hat sich im
ganzen Land breit gemacht. Die Menschen frieren und versuchen verzweifelt,
einen der wenigen Orte aufzusuchen, an denen sie sich noch aufwärmen und
Schutz vor dem eisigen Wind suchen können. Wer Glück hat, einen Platz an
einem der auf Hochtouren laufenden Heizkörper zu ergattern, gibt diesen so
schnell nicht mehr freiwillig her. Wer will denn auch bei diesem Wetter vor
die Tür gehen? Da könnte man ja Gefahr laufen, dem Kältetod zu erliegen.

Ähnlich denken auch die Mitglieder der Abteilung „Vulpeculae“, die zur
hildegardischen Gräbergarde gehört. Entgegen der Erwartung auf die
frostigen Verhältnisse, mit denen sie im Außendienst konfrontiert werden
könnten, haben sich ein paar Arbeiter bereits vor dem Dienst zur
Lagebesprechung zusammengefunden.

Sie gehen gemeinsam den heutigen Arbeitsplan durch und verschwinden dann
auf eiligen Sohlen noch einmal, um ihre Werkzeuge zusammenzusuchen. Sie
sind spät dran und haben Glück, vom Abteilungsleiter nicht allzu
misstrauisch beäugt zu werden, als sie ihm kurz vor Dienstantritt noch weit
vom Treffpunkt entfernt über den Weg laufen.

Letztendlich kommen dann aber doch alle Kameraden am vereinbarten
Basislager an.

Der Abteilungsleiter bedeutet seinen Schützlingen, sich um ihn zu
gruppieren, damit auch wirklich alle den Dienstplan mitbekommen, den er nun
erläutert. Darüber hinaus werden die einzelnen Arbeitsschritte erklärt und
bei einer kleinen geschichtlichen Zeitreise werden auch die Anfänge der
Goldgräberei beleuchtet. Denn das ist heute die Aufgabe der Sektion
„Vulpeculae“ – Gold zu finden.

Für ihre Arbeit bekommen die jungen Goldgräber waschechte Gräbersiebe
ausgehändigt. Drei an der Zahl sind es, mit denen die Goldwäscherei
erleichtert werden soll. „Das Gold wird sich unten ablagern; die groben
Steine und Sand könnt ihr durch wiederholtes Ausschwenken mit Wasser
auswaschen. Dafür sind spezielle Strukturen in das Sieb mit eingearbeitet,
an denen die Verschmutzungen hängen bleiben sollten“, erklärt der
Abteilungsleiter. Leicht ratlos sehen ihn die Arbeiter an. Wie genau das
wohl funktionieren kann? Noch mehr verwirrt sie die Tatsache, dass ihr
Mentor keinerlei Anstalten macht, sich dick in warme Kleidung einzupacken,
um direkt loszulegen, wie sie es von ihm gewohnt sind. Denn, dass Gold nur
in und an Flüssen zu finden ist, das wissen sie. Und der nächstgelegene
Wasserstrom, der vom Basislager aus erreichbar ist, ist die Donau – ein
Fluss, der nicht gerade für seine Goldvorkommnisse bekannt ist. Da bräuchte
man doch Stunden, bis man Spuren vom goldenen Metall findet, denken sie
enttäuscht. Geduld haben sie ja, aber große Lust, sich noch einmal in die
polaren Regionen außerhalb des Lagers zu begeben – vermummt, mit Schals und
warmer Kleidung ausgestattet; nur um später doch als Eiszapfen
zurückzukehren und sich die Hände im kalten Wasser abzufrieren – verspüren
sie dann doch nicht.

Der Grabungsleiter scheint die schwindende Stimmung seiner Truppe zu
spüren. Er tut ganz geheimnisvoll und führt die staunenden Arbeiter zu
einer kleinen Wasserstelle, die sie vorher noch nie gesehen haben. Ein
echter Geheimtipp für Goldsuchende sei das hier, verrät er zwinkernd. Man
dürfe zwar keine Wunder oder größere Goldbrocken erwarten, aber sogenannte
„Goldflitter“ könne man doch in größeren Mengen finden.

Sogleich machen sich die jungen Arbeiter ans Werk. Da immer nur drei von
ihnen gleichzeitig waschen können, stehen die anderen außenrum und
versuchen, ihren Kameraden mit Tipps helfend unter die Arme zu greifen. Und
tatsächlich – bereits nach wenigen Momenten taucht etwas Glitzerndes in der
dreckigen Brühe auf, die im Goldgräbersieb schwimmt: Gold! Alle sind
hellauf begeistert und die Augen leuchten. Schnell wird die Beute mithilfe
einer Pipette in ein Glas mit Wasser verfrachtet und somit in Sicherheit
gebracht. Doch ob das Gold wirklich so sicher ist, wenn es unbewacht
herumsteht? Vielleicht kommt ja plötzlich ein gieriger Konkurrent vorbei,
der sich die Arbeit sparen will und der Abteilung den Fund entwendet? Gold
ist schließlich wertvoll...

Tatsächlich müssen die jungen Goldgräber immer wieder feststellen, dass
Teile ihres Goldes verschwinden und das Sicherungsglas mit einem Mal wieder
völlig leer ist. Diebstahl? Wohl eher nicht. Erleichtert atmen die Arbeiter
auf, als sie ihre Goldflitter sicher verwahrt bei ihrem Abteilungsleiter
wiederfinden.

Weiter und weiter wird nach dem goldenen Schatz gesucht. Und der Ertrag
kann sich sehen lassen. Die vielen kleinen Goldstückchen bilden bereits
einen ordentlichen Haufen.

Doch die Goldsucher haben Gefallen an ihrer Arbeit gefunden und noch lange
nicht genug. Bei so manchem kommen sogar die Kindheitserinnerungen wieder
hoch und es wird munter im Dreck gewühlt. Ganze kleine Sandburgen entstehen
auf so manchem Sieb. Und der Goldhaufen wird immer größer.

Irgendwann dann, ist die Zeit weit fortgeschritten und die Arbeiter, die
keine Überstunden machen möchten, legen ihre Arbeit nieder. Bevor nun noch
eine Abschlussbesprechung ansteht, machen erstmal alle eine kleine Pause.
Die Verpflegung ist rar. Umso mehr freuen sich manche Kameraden über die
Bereitschaft anderer, ihre Wegzehrung mit ihnen zu teilen.

Auch der Abteilungsleiter sieht die Not der hungrigen Truppe und spendiert
kurzerhand Lebkuchen und Dominosteine. Unter großem Gelächter werden die
Vorräte verzehrt und die Arbeitsergebnisse besprochen. Allen hat das
Goldsuchen viel Spaß gemacht und sie sind begeistert, als der
Abteilungsleiter jedem Arbeiter den versprochenen Anteil am Fund
aushändigt. Natürlich soll jedoch auch er nicht leer ausgehen: Für seine
Unterstützung bekommt er von seiner Abteilung „Vulpeculae“ ein Paket
überreicht, das ihm seine Weihnachtstage verschönern soll.

Nach der üblichen Verabschiedung, wobei noch einmal das ganze Arbeitsjahr
reflektiert wird, machen sich letztendlich dann auch alle auf den Heimweg.
Dazu müssen sie natürlich wieder durch die Kälte stapfen und inzwischen
auch mit der beginnenden Dämmerung kämpfen, doch das kleine bisschen Gold
in ihren Taschen erhellt ihnen den Weg, hält sie warm und lässt sie mit
einem Lächeln bereits auf das neue Jahr schauen.

Carina Borcherding, Klasse 10a

 

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