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Tannenhof

Meine Woche im Tannenhof…

Der Tannenhof ist eine Einrichtung der LWV. Eingliederungshilfe und bietet fast 300 geistig- und mehrfach behinderten Menschen eine Heimat.

2011_04_Arbeitsgruppe Tannenhof_Jessica Ritter

Die Menschen können dort, durch gezielte Pflege, Betreuung und zahlreichen Angeboten (z.B. interessante Arbeitsplätze, umfangreiches Freizeitprogramm und therapeutische Angebote), ihre Fähigkeiten entdecken und weiterentwickeln. Das Ziel ist es eine möglichst große Selbstständigkeit in allen Lebensbereichen zu erlangen.

Behinderte Menschen sind, zwar im eingeschränkten Maße, aber eben doch eigenständig und lernfähig.Wir als „Normale“ sollten ihnen das nicht verwehren, sondern sie darin unterstützen und sie durch unsere Aufmerksamkeit und Hilfe in die heutige Gesellschaft  integrieren.

 

Meine Aufgabe in der Woche war es, in der Metallwerkstatt unter der Leitung von Herr Mebus zu arbeiten. In der Arbeitsgruppe werden 18 geistig behinderte Menschen betreut. Außerdem sind dort zur Zeit ein Auszubildender und ein Produktionshelfer beschäftigt. Zeitweise waren auch Asylbewerber und Sozialstundenableistende dort anzutreffen.

Die meiste Zeit habe ich Karosserieteile mit Nieten versehen oder ich habe Herrn Mebus geholfen, etwas Ordnung in das Büro zu bringen. Das heißt, ich habe Aufträge der Metallwerkstatt vom vergangenen Jahr in einen anderen Ordner umgeordnet, um die Übersicht über alle Aufträge und Formulare zu erleichtern.

Während der Arbeit hatte ich anfangs eigentlich nicht viel mit den Behinderten zu tun, aber in den Pausen wurden ich in der Cafeteria sehr herzlich von allen aufgenommen und begrüßt. Die meisten waren sehr offen und haben sich mit Namen vorgestellt und gefragt wer ich bin, woher ich komme usw. Das hat mich persönlich am Anfang etwas befremdet, da es sehr ungewohnt war, aber schon nach kurzer Zeit fand ich es richtig nett. Man hat sich dadurch nach relativ kurzer Zeit vertraut und heimisch gefühlt. Was mir auch gleich aufgefallen ist, ist das sehr gute und herzliche Verhältnis zwischen den „normalen“ Menschen (Betreuern usw.) und den dort betreuten Menschen. An dem Umgang konnte man sehen, dass es den nicht eingeschränkten Menschen Spaß macht, mit den Behinderten zu arbeiten und diesen zu helfen. Mich persönlich hat das sehr berührt, weil ich vor allem anfangs Angst davor hatte, mit den Menschen ganz normal umzugehen und sie nicht anders zu behandeln.

Ich fande es auch echt schön, wie wir als Praktikantinnen, nicht nur von den Behinderten, sondern auch von den Abteilungsleitern, Herr Gerhard, Frau Auer usw. , sozusagen in ihre Mitte mit aufgenommen wurden und wir gleich das Gefühl vermittelt bekamen, dass wir gebraucht werden und nicht „überflüssig“ sind. Aber am allerschönsten fande ich es, dass die behinderten Menschen am ersten Tag, wo noch alles neu für uns war und wir teils auch etwas verängstigt waren, alle ein Lächeln für mich und die anderen vier Praktikantinnen hatten und uns schon Vertrauen entgegengebracht haben, obwohl sie uns eigentlich noch nicht einmal richtig kannten.

 

Ich hätte vor der Woche wirklich nicht gedacht, dass das Verhältnis von einem behinderten und einem „normalen“ Menschen so unkompliziert sein könnte. Ich habe mich zwar mit den einen besser und mit den anderen weniger gut verstanden, aber insgesamt kann ich sagen, dass das Verhältnis einfach schön war.

In meiner Werkstatt war ein Behinderter, der mir ganz besonders ans Herz gewachsen ist, da er eigentlich immer nett und lustig ist. Beispielsweise kam er zu mir und erzählte mir, dass er mal prominente Schauspieler aus einem Auto hat steigen sehen und sich dann voll gefreut hat;  einmal meinte er, dass ihn alle beneiden würde, weil er eine 8-Zimmer-Wohnung bewohnt und die anderen nur eine Ein-Zimmer-Wohnung haben. Ob die Geschichten wahr sind, die er mir erzählt hat, werde ich wohl nie erfahren, aber es war einfach schön, ihm zuzuhören und ihn lachen zu hören.

Ein Ereignis fand ich ganz besonders schön. Da ist er zu einem der dort arbeitenden Asylbewerber gegangen und hat mit ihm geredet und gelacht und ihm anschließend einen Apfel geschenkt. Daran kann man sehen, dass er ein Vorbild für uns alle ist, da wir manchmal gegenüber Ausländern Vorurteile haben und häufig nicht offen auf sie zugehen und sie normal behandeln. Also im allgemeinen finde ich, dass behinderte Menschen in mehrerer Hinsicht ein Vorbild für uns sind und wir noch einiges von ihnen lernen können.

 

Das Bild von den Menschen vor Ort hat sich im Laufe der Woche so verändert, dass ich sagen kann, dass ich nach dem Praktikum ein komplett anderes Bild von den Behinderten habe. Früher habe ich eher Mitleid und Angst empfunden, aber heute kann ich sagen, dass ich die Behinderten ganz anders erlebt habe. Niemand von ihnen will etwas Böses, und wenn sie auch manchmal nerven, dann darf man ihnen das nicht übel nehmen. Die meisten von ihnen sind aber ganz lieb und drängen sich auch nicht auf. Einer der Leiter meinte einmal zu mir, wenn man nicht will, dass die Behinderten einen umarmen oder berühren, dann darf man ihnen das sagen; die nehmen das einem auch nicht übel. Sie wissen nur einfach nicht, wie wir, wo die „Grenzen“ sind.

Meine grundlegendste Erfahrung in der ganzen Praktikumswoche war der Satz, den mein Abteilungsleiter am Anfang des Praktikums zu mir gesagt hat: „Behandle die Menschen hier so, wie du behandelt werden möchtest.“ Das ist meiner Meinung nach eines der wichtigsten Dinge, im Umgang mit Behinderten.

 

Der Bezug zwischen Compassion und einer Bibelstelle ist für mich vor allem in Lukas 7,22 f. und Markus 10,46-52 deutlich zu sehen.

In Lukas 7,22 f. sagt Jesus zu seinen Jüngern: „ Geht hin und berichtet dem Johannes, was ihr gesehen und gehört habt; Blinde werden sehend, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote werden auferweckt, Armen wird das Evangelium verkündigt.Und glückselig ist, wer nicht Anstoß nimmt an mir!"

In Markus 10, 46-52 geht es darum wie Jesus mit seinen Jüngern nach Jericho kommt und ein Blinder mehrmals ruft: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich über mich!“ Einige andere Menschen versuchen ihn zum Schweigen zu bringen, doch Jesus lässt ihn zu sich kommen und sagt: „Geh hin; dein Glaube hat dich gerettet!“ (V. 52) und ab diesem Zeitpunkt ist der Blinde wieder sehend.

An diesen Bibelstellen wird deutlich, dass Jesus sich um behinderte Menschen kümmert und sich ihnen zuwendet, obwohl schon die damalige Gesellschaft sie an den Rand drängte.

Ich denke, dass wir daran sehen können, dass Jesus sich bewusst um die „Schwächeren“ gekümmert hat und uns durch die vielen Heilungen heute noch zeigen möchte, dass wir es ihm gleich tun sollen und dass wir den Behinderten dadurch eine Freude machen, wenn wir ihnen unsere Hilfe anbieten. Auch wenn wir keine materielle „Gegenleistung“ bekommen, habe ich durch die Praktikumswoche im Tannenhof doch gelernt, dass ein Dankeschön, ein Lächeln und ein dankbarer Mensch einen selbst oft viel glücklicher machen, als wenn man dafür Geld o.ä. bekommen würde. Man hat das Gefühl, wirklich etwas geleistet zu haben.

 

Der Sinn von Compassion ist, dass jeder die Möglichkeit haben sollte, wenigstens einmal  Kontakt mit z.B. Behinderten zu haben, denn oft haben die Menschen Vorurteile gegenüber sozial Schwächeren. Dabei ist es, meiner Meinung nach, etwas ganz Wertvolles mit ihnen zusammen arbeiten zu können, sie ein Stück weit kennen zu lernen und zu verstehen, wie Behinderte sind, wie sie reagieren und wie man mit ihnen umgehen sollte. Man sammelt während der Compassionswoche viele kostbare Erfahrungen, die einem auch später im Leben nützlich sein werden und an die man sich gerne zurückerinnert.


Erfahrungsbericht von Jessica Ritter, Klasse 10, Schuljahr 2010/11